Diese Geschichten entstanden Ende 1998

ich liebte ihn. ich liebte sein lachen. ich liebte sein zwinker. ich liebte seine tiefen augen. ich liebte seine kitzlichkeit. ich liebte seine warme stimme. ich liebte seine weiche haut. ein tag in seiner nähe und schon war es geschehen. eine nacht in seinen armen und es war zu spät.ich liebte ihn nicht. ich liebte eine illusion.  ich stehe in einem scherbenhaufen und es ist fort. das gefühl. es bleibt die qual.ich vermisse seine nähe. ich vermisse sein lachen. und das obwohl ich ihn für seine lügen hassen müßte. zerstört die illusion. zerstört das herz. zerstört der mensch. was bleibt sind erinnerungen an schöne flüchtige momente, die sehnsucht und ein meer aus tränen.

Der Wecker klingelte. Dieser schrille Ton ließ ihn aufschrecken. Wie jeden morgen. Der wochentägliche Alltag begann. Er suchte noch halb blind den Knopf auf dem Wecker. Ein leichter Druck und es herrschte wieder Stille in seiner kleinen Welt. Nur nicht wieder einschlafen, dachte er leise. Wieder tappte sein Hand im Dunkeln und fand den Knopf für die Stereoanlage. Die Boxen erwachten zum Leben und ließ das fröhlich-muntere Gesülze der Moderatoren auf seine verschlafenen Ohren niederriesseln. Ein letzter Gähner, ein großer innerer Ruck und seine Füsse fanden den kalten Teppichboden. Wankend ging er zum Lichtschalter um seine Augen dem grellen Licht auszusetzen. Er roch noch den  Kaffee in der Luft, den seine Eltern vor einer Stunde gekocht und getrunken haben. Allein zu  Hause. Ein Dauerzustand in seinem Leben. Müde schleifte ihn sein innerer Drang auf die Toilette. Auch hier ärgert das Licht seine Augen. Sein Spiegelbild sprach eine eindeutige Sprache : Geh wieder ins Bett. So etwas wie du gehört nicht in die Öffentlichkeit. Irgendwie sagte er das jeden Morgen. Diese kastanienbraunen Augen sahen immer tieftraurig aus. Der ungepflegte Dreitagebart mußte jetzt dem Rasierer weichen. So geschickt wie er war blieb das natürlich nicht ohne Blutspuren. Er wandte sich dem Spiegel ab und zog sich komplett aus, um unter die Dusche zu hüpfen. Ein warmer Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Ein Stück Glücksgefühl. Entspannung unter der Dusche. Warum konnte diese Wärme nicht ewig bleiben ? Eingeseift, abgespült, Haare mit Shampoo eingerieben, ausgespült, fertig. Und schon war es wieder kalt um ihn herum. Mit dem Handtuch um die Lenden bekleidet ging er in sein Zimmer. Die Heizung strahlte zu wenig Wärme ab, um mit der Dusche zu konkurrieren. Schnell zieht er sich an. In Gedanken ist er schon auf der Arbeit. Ein letzter Gang ins Bad, kurz durch die Frisur gekämmt und dann in die Küche. Das Radio haben seine Eltern laufen lassen. Die Luft wird vom Leiern alter Schlager erfüllt. Schnell dreht er am Sender und hört den jugendlichen Sound in seinen Ohren. Der schon erhärtet Toast wird mit Margarine und Marmelade beschmiert. Runtergeschlungen und mit abgestandenen Orangensaft nachgespüllt ist das Frühstück beendet. Für die Zeitung bleibt keine Zeit. Die Strassenbahn in den Alltag fährt pünktlich ab. Die Tür knallt hinter ihm zu, er setzt sein Standardfreundlichkeitslächeln auf und verschwindet in der Masse der Menge.

Es ist Weihnachten. Das Fest der Liebe. Das Fest der Familie. Das Fest des Lichtes. Und er war allein. Zu einem Teil wollte er allein sein. Weit weg von all dem Weihnachtskommerz. Zum anderen Teil mußte er allein sein. Niemand wollte seine Nähe. Niemand wollte sein Herz. Niemand wollte sein Liebe. Das Teelicht unter der Duftkerze flackerte. Trotz seines Schnupfen konnte er den chemisch nachempfundenen Tannenbaumgeruch leicht erschnuppern. Er hatte die Gardinen zugezogen. Das winterliche Grau hatte er die letzten Tagen genug gesehen. Der Krankenschein fesselte ihn seit drei Wochen an das Bett. Drei Jahre erschienen ihm auch nicht kürzer. Der Schlaf war sein bester Freund. In seinen Träumen brauchte er nicht an das denken, was er lieber für immer vergessen würde. Aber wenn er wach war, wanderten seine Gedanken ungebändigte Wege und gingen mit ihm durch die Hölle. Durch das Fieber waren selbst seine Träume nicht mehr davor sicher. Wie konnte er vergessen ? Wie konnte er seine Gefühle ausschalten ? Wie konnte er die Leere füllen ? Er hatte schon mal den falschen Traum gelebt. Und nun ist es ein ewiger Alptraum. Warum kam bei ihm keine Weihnachtsstimmung auf ? Das Fernsehen suggerierte ihm doch im Sekundentakt das Weihnachtsfeeling pur : Schneebedeckte Tannenbäume, ein strahlendes Kinderlächeln, die lustige Familienrunde. Ist das Weihnachten ? Oder ist das Kitsch ? Er wußte, daß das war er erlebte auf jedem Fall kein Weihnachten war. Seine Familie saß unten und sang Weihnachtslieder. In dieser Runde könnte er auch sitzen. Tante Mary stimmte gerade ein neues Lied an. Onkel Richards tiefe Bassstimme konnte er deutlich vernehmen. Die Familiefassade hielt für diesen Abend. Kein Getuschel. Kein Gezanke. Gemeinsamkeitsgefühl hoch 10. Und doch ist alles falsch. In seinem Zimmer herrschte Ehrlichkeit. Einsame Ehrlichkeit. Grausame Ehrlichkeit. Aber Ehrlichkeit. Er schaltet den Fernseher aus. Diese Stille. Von unten ist kein Gesang mehr zu hören. Wahrscheinlich sitzen sie jetzt vor dem Fernseher und erzählen sich den neusten Klatsch und Tratsch aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis. Er schaltet das Radio an. Sinnloses Geschwafel und grusige Musik. Die Kerze ist heruntergebrannt. Ein Atemzug von ihm und das Leben des Kerzenlichts ist beendet. Dunkelheit. Stille. Einsamkeit. Der richtige Zustand um ins kalte Bett zu steigen. Sein Gesundheitszustand ist die perfekte Entschuldigung für seine Familie. Für ihn ist das Fieber der Garant für eine weitere unruhige Nacht. Gedankenfetzen. Wunschträume. Das Grauen.

Ich wünsche Euch ein paar sinnliche Weihnachtstage und einen guten Rutsch ins neue Jahr

Xanatos

Es ist wieder mal Nacht. Er ist wieder mal wach und findet wieder mal keinen Schlaf. Weihnachten ist gelaufen. Oder besser verlaufen. Es regnet seit Tagen. Das Grau ist dem Schwarz gewichen. Nicht ein Stern erleuchtet das weite Firmament. Kein Licht der Hoffnung. Nur noch wenige Tage und 1998 ist vergangen. 12 Monate, 52 Wochen, 365 Tage. Am 31. wird sich alles in einem gigantischen Feuerwerk auflösen. Aber auch wirklich alles ? Was ist mit seinen Erinnerungen ? Werden sie sich an das Jahr 1998 klammern und damit untergehen ? Wird ab dem 01. des neuen Jahres er den Alptraum los sein ? Einen Vorsatz für das neue Jahr hat er schon : Es soll nicht so sein wie das letzte Jahr. Er hat nicht das Gefühl etwas verpaßt zu haben. Dafür war die Tage zu bunt und zu schrill. Oder hatte er doch etwas verpaßt ? Vielleicht die positiven Seiten des Lebens ? Sie haben sich bis jetzt erfolgreich vor ihm verborgen. Oder ist das das Leben ? Zu Leiden und zu sterben ? Am Neujahrstag mit einem Kater alleine in seinem Bett aufzuwachen ? Er hatte so viele Fragen. Egal im welchem Band der Brockhaus-Enzyklopädie er blätterte oder nachlas, auf seine Fragen nach dem Warum fand er keine Antwort. Aber wahrscheinlich kannte selbst ein 100-jähriger Mann ohne Alzheimer die Antwort nicht. Kannte Deep-Blue vielleicht die Antworten ? Verdammt ! Er sollte in seinem Bett liegen und schlafen. Wer schläft, der sündigt nicht. Der Regen trommelt gegen das Fenster. Die Digitalanzeige des Weckers zeigt in großen roten Ziffern das es kurz nach Mitternacht ist. Der Fernseher flimmert ohne Ton. Um diese Uhrzeit laufen nur 0190-Stöhn-Werbespots. Es ist immer das Gleiche. Eine endlose Wiederholung. Genau wie sein Leben ? Er fluchte, weil er die Fragen satt hatte. Das Whiskeyglas leerte er in einem Zug. Als Einschlafmittel half es immer. Ein Klick auf die Fernbedienung und das Flimmern erlosch. Es war wieder seine dunkle Welt. Es war einmal Nacht.